Die Legende vom Mytheril

Als die Berge noch jung, die Wälder noch klein und die Flüsse noch jubelnd sprudelten in ihrem jugendlichen Übermut, da geschah es, dass in den Höhen des Hügels Erha´arn ein Klan von Zwergen in Unfrieden war mit seinen Nachbarn. Wie dies, mag man heut fragen, doch sicher ist, wenn es auch schon eine handvoll Generationen von Zwergen gab, so waren sie zwar stark im Glauben an Angrosh, ihren Vater und Schöpfer, doch waren ihre Künste vielmehr auf das Schöpfen, das Schmieden und das Hauen in den Minen gelegt, als dass sie mit kühnem Schrei, einem kalten Lachen und einer gezückten Axt einschlugen auf ihre Feinde.
Damals dachten sich die Zwerge des Hügels Erha´arn und ihr König Kalagosch, welcher der erste Sohn des Kumgi war:
“Was sollen wir hier ausharren und sehen wie der Feind, auf seinen grimmen Wölfen und kriegslüsternden Ebern reitend, unsere Klansbrüder einen nach dem anderen tötet und ihn verhöhnend die Abhänge herunterwirft?
Ardha ist groß, suchen wir uns eine neue Heimat, Angrosh wird uns sicher geleiten.”.
So dachte Kalagosch und Angrosh war fürwahr Zeuge dieser Rede. Doch gefiel ihm sicher nicht was er dort hören musste, denn schon oft waren seine Kinder vertrieben worden oder ergaben sich ihrem Schicksal und wanderten oft ohne einen Kampf weiter.
Dies erzürnte Angrosh und so schickte er seinen Sohn Klanghin in verkleideter Gestalt, um zu schauen was dort nun vor sich ging.
So kam Klanghin zwischen die Zwerge des Klans und sie erkannten ihn nicht.
Er war gekleidet in einfaches, graues Linnen, an den Händen hatte er lederne Handschuhe, die Füße in beschlagenem Leder und auf dem Rücken einen prächtigen runden Schild. Jedoch sah man keine Waffe sonst an ihm außer eine lange Bergmannsaxt. Der Griff aus gebrannter Eiche, poliert wie das edelste Silber, die Spitzen geschmiedet aus reinem Gold, so strahlend wie der Sonnenschein an einem frischen Morgen. Sein Bart war gut geschnitten, reichte wallend auf seinen mächtigen Bauch und seine Augen glühten dunkel wie erlöschende Kohlen.
Sogleich hießen die Zwerge ihn willkommen und gaben ihm eiligst Trank und Speis. Und zu ihm sagten sie: ” Bruder uns freut dein Kommen sicherlich, doch triffst du uns in der Stunde des Aufbruches”. Darob hob Klanghin in seiner Verkleidung die buschige Braue und fragte, wie das seien könnte? Seine Brüder auf der Flucht vor grunzenden Schweinen und heulenden Hunden und den winselnden Bastarden obenauf? Da sahen sie ihn an und viele wanden ihren Blick von seinen Augen, die unaufhörlich die ihren suchten.
Doch, obwohl Kalagosch sein Volk in ein anderes Tal führen wollte, so war er doch ein Zwerg mit einem pochenden Herz und Angrosh hatte es seid Anbeginn mit Stolz erfüllt. Dieser Stolz brauste nun auf, als er das hörte und so sprach er zu dem fremden: ” Was meinst du Bruder? Sprichst du es mir ab, mein Volk zu führen? Bin ich in deinen Augen ein Feigling weil ich versuche den Stamm am Leben zu erhalten?”. Da tat der Angesprochene einen Schritt vor und neigte leicht sein Haupt. Und mit lauter und eindringlicher Stimme, auf das jeder es höre, sprach er:
” Kalagosch , Sohn des Kumgi, ich sage dir, ich lüge nicht wenn du einer der Höchsten bist unter den Zwergen!” Daraufhin schwoll dem König die Brust, doch Klanghin sprach weiter, ” Jedoch höre meine Worte, denn mir bricht das Herz wenn ich sehe, wie meine Brüder immer und immer wieder fortlaufen vor den wilden Tieren, die sich vor den Toren aus Hass schon selbst zerfleischen. So sage ich euch dies!” Mit diesen Worten drehte er sich um und breitete seine kräftigen Arme aus wie um sie alle zu umfassen. “Brüder! Es ist genug! Springt auf, greift zu den Waffen, rüstet euch und springt dem Feind mit dem Namen des Vaters auf den Lippen entgegen, und er wird euch fliehen wie der Mond vor der Sonne flieht!”
Daraufhin erhob sich ein großes Murren, denn die Zwerge hatten selten einmal die Axt im Streit erhoben, und wenn, dann kämpften sie höchstens gegen die Bären, die hie und da die bewaldeten Ausläufer des Hügels durchstreiften. Nie jedoch gegen einen Feind, der wie der wütende Sturm gegen die Felsen anrannte. Lieber wollten sie gehen und ihre Höhlen woanders in den Berg schlagen!
Dies hörte Klanghin und es traf ihn tief. Zorn und Wut wallten in ihm auf und so nahm er seine Bergmannsaxt, hielt sie weit über den Kopf und rief, das selbst die tosenden Horden draußen es hören konnten:
“Brüder! Nicht länger werdet ihr flüchten, weglaufen, eurem Feinde den Rücken zudrehen, denn Angrosh liebt euch und ihm ist es verhasst, euch in Eile vor dem Feinde laufen zu sehen! Blickt euch an Brüder, der Vater ist stark in euch, wenn ihr nur wollt, und selbst das blutrünstigste Heer wird eurem Zorn nicht gewappnet sein. Verzagt nicht und erhebt euch!”
Diese Worte ließen einige mit ehrfürchtigem Auge auf den Gekleideten sehen, denn mit einem Male stand nicht mehr der einfache Wanderer vor ihnen, sondern vielmehr war er nun ein strahlender Führer, mit grimmem Blick und festem Griff um die Bergmannsaxt, die er über ihren Köpfen schwang. Und all jene, die es sahen und begriffen, glaubten. Unter ihnen jedoch nicht der König, der, getrieben von der Sorge um sein Volk, geblendet schien und einen Beweis forderte, das Angrosh wahrlich bei ihnen sei, wenn es um einen Schlacht stand.
Da fuhr Klanghin herum, holte weit aus und stieß die Axt mit lautem Getöse in den ehernen Fels vor des Königs Thron in den Boden.
Funken stoben, ein greller Blitz und das Gestein flog in alle Richtungen davon. Die Zwerge dachten, er habe die Axt in den König geschlagen und stürmten erbost vor, doch dann geblendet durch den Blitz und taub von dem Donner, sahen sie erneut hin. Der Fremde war verschwunden und der König mit starrem Blick und offenem Mund saß wie in Stein gemeißelt auf seinem Thron. Doch nicht der Schreck ließ ihn so ehrfürchtig zurück, sondern jenes wunderbare Geschenk, welches die Bergmannsaxt freilegte, blitze auf und spiegelte sich in seinen gläubigen Augen. Auch die ersten seines Klans sahen nun das was dort im Stein vor ihnen war und alsbald erhob sich ein Jauchzen und Jubeln, voller Freude und Erstaunen. Denn dort, vor Kalagosch´s Füssen sahen sie zum ersten Male das edle Mytheril, Schatz der Schätze, heiliges Erz, leuchtender Stolz und treuester Diener.
Als der Jubel und die Verwunderung sich legte, und ein jeder das rohe Erz sah, flammte neuer Glaube in ihnen auf und sie ließen nach Darbosch rufen, ihrem Schmiedemeister, dem Vater der Esse.
Er kam eiligst herbei, noch in seiner ledernen Schürze, das Haar und den Bart streng zu Zöpfen geflochten, das Gesicht rußig und verschwitzt, die Hände kräftig und die Arme massig. Schnell schickte er seine Burschen aus, ihm sein Zeug zu holen, und er machte sich daran, das Erz zu brechen und in der Schmiede zu gießen. Zu diesem Ereignis ließ er keinen neugierigen Blick zu, denn er begriff, wie heilig diese Gabe war und das er sein Ganzes Handeln und seinen ganzen Geist auf diese Aufgabe richten müsse.
Den Angrosh war in ihn gefahren und er sah nun klar die Form, die er dem Metalle geben müsse. Und obwohl Angrosh seine Hand lenkte, obwohl heiliger Eifer ihn durchflutete und der Schweiß ihm von der Stirne rann, so war es doch ein erhebliches Unterfangen. Es verlange seine ganze Kraft, seinen Mut, sein Geschick und seine Ausdauer, es zu fertigen, unter den ständigen Schlägen seines Hammers die passende, gewünschte, Form annehmen zu lassen, und ihm seinen Willen aufzuzwingen.
Und so dauerte es einige Stunden, Stunden, welche die Zwerge damit verbrachten, nach einer Waffe zu spähen, mehr aus Verzweiflung denn aus Mut. Denn die Zeit die sie mit dem Fremden und der Warterei auf Darbosch´s Arbeit verbrachten, hatte der Feind dazu genutzt, den Erha´arn völlig zu umstellen. Ja wahrlich, so groß war seine Zahl und so hasserfüllt sein Denken.
Nun, mit den geerbten Waffen und dem leichten Rüstzeug für die Jagd, standen sie versammelt in der großen Halle unter dem Hügel, und warteten.
Nunmehr mit grimmigem Blick, denn sie wussten was vor dem Erha´arn vor sich ging und dachten nicht mehr an Rettung. Doch wie so oft ist die Verzweiflung der härteste Lehrmeister und der eifrigste noch dazu. Und so standen sie, Reihe an Reihe, Bruder neben Bruder, und harrten der Dinge die da kommen mögen.
Bis nach langer Zeit des Wartens, Darbosch aus der Schmiede hervortrat, in der Rechten eine breite Axt. Wuchtig die beidseitigen Blätter, eine Stoßspitze am Ende und der Griff aus gehärtetem Eichenholz, mit braunem gegerbtem Leder umwickelt; eine Waffe um mit Härte und Beständigkeit, ohne falschen Eitel oder Hochmut, die Brüder in die Schlacht zu führen. In der Linken hielt er ein Hemd aus dem heiligen Metall, ganz aus Ringen gefertigt, erstrahlend unter dem Fackelschein, um den Klan zu Schützen voller Inbrunst und Hingabe. Auf seinem Haupt war ein Helm, vorne offen, nur mit einem Schutz für die Nase, um dem Feind die Wut und fürchterliche Entschlossenheit entgegenzubrüllen, gefertigt um die Ehre und den Stolz der Zwerge zu zeigen und zu festigen.
Dies alles legte der Schmied seinem König zu Füssen, der, umringt von seinen Brüdern mit bedacht und ehrfürchtigem Staunen das kostbare Rüstzeug anlegte. Glücklich all jene, die mit offenen Augen Kalagosch sahen, denn die reine Pracht und der schimmernde Glanz entflammten die Liebe der Zwerge zu ihrem Vater und das durch ihn gegebene Metall.
Als er nun gerüstet und in voller Grösse vor seinem Thron stand und die jammernden Heere der Feinde mit argem Getöse an die Tore des Hügels hämmerten, seufzte Kalagosch tief und schwer und flehte zu Angrosh ihn zu strafen und zu zerschmettern, dass er so lange den Mut und die Kraft der Zwerge unterschätzte, und an die rechte Führung der weisen Hand nicht glauben konnte. Doch entschlossen, nun das zu tun, was der Wanderer ihnen darlegte, trat er vor die Tore und die tapfersten und treuesten seiner Brüder rangen um einen Platz an seiner Seite. Und als ein jeder sich einfand, die Keulen und Äxte, die Hacken und Beile in den Händen, mit versteinerter Miene und entschlossenem Blick, pochendem Herz und mit den Beinen fest auf des Hügels Knochen, da fuhr der Geist Klanghins durch sie und mit Wildem Schrei warfen sie sich gegen die Tore und stürmten dem verdutzten Feind entgegen.
Allen voran eilte Kalagosch, die Axt wirbelnd, den Helm und das Rüstzeug glänzend und blitzend in der untergehenden Sonne. Nur kurz waren die Horden überrascht doch dies reichte aus, um eine breite Schneise in ihre Reihen zu schlagen.
Ein Getöse, genährt von Schlachtenlärm, Schreien voller Wut, Schmerz, Trauer und Sieg, hallten wider, mit solcher Stärke, das selbst die Wolken hoch über dem Feld erzitterten.
Das Kampfesglück wendete sich mal zum Feinde mal zum Volk der Zwerge, die Toten bedeckten bald den grünen Grund und das Blut tränkte das Feld. Doch letztendlich schien sich die Übermacht zu behaupten, die Zwerge wurden zurückgedrängt und standen mit dem Rücken zum Hügel, die brüllende Masse vor sich. Viele waren verwundet, blutend aus zahlreichen Wunden, die Klingen schartig, die Rüstungen zerrissen, verbeult und verkeilt. Einzig jedoch das Mytheril an des Königs Körper und die Axt in seiner Hand waren frei von eigenem Blut und Schaden. Grimm im Blick, entschlossen die Axt schwingend und mit Kampfesschreien auf den Lippen stand er, bewegte er sich mit der Schlacht wie das tanzende Schiff auf tosenden Wogen, die Getreuen um ihn gedrängt. Mal hierhin, mal dorthin stürzten sie sich, um sich schlagend und mit jedem Hieb fielen die Feinde wie Grashalme dahingemäht. Kurz flachte der Kampf ab, ein wenig Luft, Zeit, sich umzusehen und Kalagosch nutze sie, um sich die Lage vor Augen zu führen, und er erkannte, das die Übermacht der Feinde sie erdrücken würde. Doch weder Zweifel, noch Verzagen legte sich auf sein Gesicht, nur um so fester und unbeweglicher rückte der Kampfeswille in den Vordergrund. Der König lenkte sein Gefolge dorthin, wo der Feind am stärksten die Seinen bedrängte, schlug Lücken in die Masse der Angreifer, Hieb um Hieb, Blut troff von Waffen, Rüstungen und Wunden. Als Klanghin dies sah, von seinem Platze aus, da nickte er stolz und entschied sich, entgegen der sonstigen Natur der Alten Väter, der Erdriesen und Götter, nun erneut einzugreifen. Zu groß war seine, und zu groß war auch Angroshs Liebe zu dem Volke der Zwerge. Klanghin wusste, Angrosh würde es verstehen. Und so beseelte er die mächtige Axt, hauchte dem Rüstzeug seinen Atem ein und legte seine schützenden Hände über den Helm.
Wie durch starkes Bier berauscht, erschauerte Kalagosch, ein Zucken durchfuhr ihn, sowie die feste Gewissheit, dass er nicht eher ruhen wird, bis der letzte der Feinde vertrieben war oder tot am Boden lag. Dies schwor er bei seinem Leben und bei Angrosh seinem Vater.
Nun wie von flammenden Schwingen getragen, umhüllt von einem wohligen Schimmern in den Augen der Zwerge, einem blendenden, zerstörenden Licht für der Feinde Horden, kam Kalagosch, zusammen mit seinen Getreuen, erneut über die Horde und richtete noch größere Zerstörung an und selten hielt ein dunkler Geselle dem ersten wuchtigen Hieb seiner Axt stand.
Doch der Feind war nicht zu schlagen, das erkannte der König! Daraufhin erhob Kalagosch seine Stimme, brüllte dem Feinde seine Verachtung und seinen Stolz zu, sprang auf, löste sich aus dem Verband der verbliebenen Zwerge, und lief mitten unter die Feinde. Schon bald wurde er von der wütenden Masse verschluckt.
Dies sahen die Zwerge und mit dem letzten Mut, den sie ihren tauben und schmerzenden Gliedern entlocken konnten stürmten sie erneut auf die Horde ein, rissen tiefe Wunden, verteilten Tod und Verderben noch freigiebiger als zuvor und richteten großen Schaden unter den voller Hass und Verwirrung aufschreienden Schlächtern ihres Volkes an. Und so groß war der vernichtende Schlag der Zwergen, das nun endlich der Feind weichte, zurückschreckte und sich hastig den Hügel hinab zurückzog.
Die Zwerge, ach, wenige waren geblieben, zu viele gefallen, den wütenden reißenden Bestien nicht entkommen und lagen nun zerschlagen und tot auf dem Felde, suchten unter den Toten nach den Ihren und so kam es, das sie auch den König fanden. Mit offenen Augen und lag er dort, die Axt noch umklammert, nur der Helm lag zu seiner Seite, wohl als Folge des Kampfes, doch das Mytheril war an keiner Stelle beschädigt oder von Tadel. Da sahen die Zwerge, dass das Metall, getränkt mit dem Blut des Königs, nun eine Farbe des blauen Himmels, des süßrauschenden Bergbaches, wie das Blau in den Augen des Königs, angenommen hatte. Und ein großes Erstaunen machte sich unter den Geplagten breit. Lang erzählte man sich noch die Geschichte von Kalagosch, lang noch, nachdem die Zwerge dort ihre Behausung zur Feste ausgebaut hatten, lange nachdem sie zu einem der mächtigsten und reichsten der Völker aufgestiegen waren und selbst heute erzählt man sich noch die Geschichte, wie Angrosh durch Klanghin den Zwergen das Mytheril schenkte. Und noch heute ehren die Zwergenschmiede ihren Vater dadurch, dass sie, wenn sie das Mytheril schmelzen, und es verarbeiten, einen Tropfen ihres eigenen Blutes hinzugeben, um das Metall zu weihen und die rechte Farbe zu geben.
So ward es und so ist es! Es soll bekannt sein unter dem Volke auf Ardha!