Die Legende von Shafir dem Goldenen

Nun, wie soll ich beginnen? Sicherlich dürften die meisten sehr wohl wissen, dass das Volke der Drachen nicht zu den besten Freunden des Zwergenvolkes gehört. Die meisten würden wohl gar soweit gehen und behaupten, dass die Völker der Drachen und Zwerge erbitterte Feinde sind.
Nun, wie auch immer, jedenfalls veranlassten mich die von Magus Eirias niedergeschriebenen
Zeilen dazu, seit langem einmal wieder, viele viele Stunden in der alten Bibiliothek der Zwergenstadt zu verbringen. Irgendetwas in seinen Worten hatte eine unstillbare Neugier in mir geweckt und ein paar alte Erinnerungen hervorgelockt.
So blätterte und las ich viele viele Stunden in den alten, unendlich kostbaren Folianten und
Schriftrollen. Einige davon so alt, dass man sie nur noch mit aller Sorgfalt bewegen darf. Rasch
verging die Zeit…Hunger, Durst und Müdigkeit zehrten an meinem Kräften, doch bezwingen
konnten sie mich nicht. Ich blätterte und las, blätterte und las…ich suchte etwas ohne zu wissen was es war…und doch, letztendlich fand ich was ich finden sollte.
Ein Buch war es…ein altes, sehr altes Buch. Und doch war es nur eine Abschrift von der Abschrift des Originalen Werkes, das die unermüdlichen Zähne der Zeit schon lange, lange zernagt hatten.
Jenes Buch enthält eine der ältesten Geschichten der Angroshim. Wenn ich die Zahlen und Ereignisse recht zu deuten vermag, dann ereignete sich diese Geschichte vor mehr als 5000 Jahren. Eine Zeit, in der vor allem die Zwerge und die Elfen diesen Teil der Welt hier bewohnten – und die Drachen.
In diesem Buch wird erzählt von einem Fürsten unter den Drachen. Gülden seien seine Schuppen
gewesen, mächtig wie alle Gewalten der Natur vereint und alt war er, so alt wie die Berge selbst.
SHAFIR war sein Name. Doch die Zwerge nannen ihn später ORANKHATOSCH (“Alt wie der Berg”). Noch viele Drachen gab es zu dieser Zeit. Die meisten von ihnen wurden irgendwann von tapferen Kriegern erschlagen, zerfleischten sich in ihrer Gier und Eifersucht untereinander oder verliessen einfach diesen Teil der Welt. So anders aber war Shafir der Goldene, Shafir der große Alte. Er überdauerte die meisten der Drachen…und so entstanden bald die ersten Geschichten über den unermesslichen Reichtum seines Hortes. Nicht lange dauerte es bis sich die ersten, mal kleineren und mal grösseren, Gruppen in Bewegung setzten um den Hort von Shafir zu finden, den alten Drachen zu erlegen und seinen Hort zu plündern. Es dauerte lange bis man die ungefähre Lage seines Hortes gefunden hatte…und lange versuchten die Zwerge den Goldenen zu bezwingen – erfolglos. Nur die wenigsten der Gruppen die auszogen kehrten zurück. Selbst eine kleine Armee, angeführt von dem legendären Drachentöter Lohran Goldenherz, konnte Shafir nicht bezwingen.
So verging eine lange Zeit. Die Zwerge hatten es aufgegeben, trotz aller ihrer Verbissenheit. Shafir schien unbesiegbar. Und wenn auch hin und wieder der eine oder andere Held (oder Narr?) auszog um Shafirs Hort aufzusuchen, so geriet der Drache immer mehr in Vergessenheit. Als unbezwingbar galt er. Und solange er die Stätten der Zwerge mied, gerieten die Geschichten über seinen Reichtum immer schneller in Vergessenheit. Viele Jahrhunderte veringen…ja gar drei Jahrtausende waren es gewesen, bis…bis der goldene Drache wieder in Erscheinung treten sollte, in einer ganz anderen Geschichte:
Eine wilde und blutige Zeit war es in der Ibarkha IV, Eisenfaust genannt, den Thron des Königs der Berge bestieg. Seit Monaten schon plagte eine riesige Horde von niederen Drachenwyrmen die Täler und Pässe in der Nähe der Zwergenstadt. Hunderte von tapferen Kriegern fanden den Tod, nicht gewachsen der schieren Zahl der Drachenwyrmern. Noch bevor Ibarkha die Entscheidung traf, sich gänzlich in die tieferen Höhlen zurückzuziehen, raubten jene Drakes eine junge Zwergenfrau.
Wissen müsst ihr Leser, dass zu jener Zeit die Frauen der Zwerge schon ähnlich selten und kostbar waren wie sie es noch heute sind. Nun, jene Zwergin war die Tochter eines einfachen Schildschmiedes, dessen Namen in der langen Zeit in Vergessenheit geraten ist.
In seiner Trauer, in seiner Wut und in seiner Hoffnung bat er den König um Hilfe, denn kein Krieger war er selbst. König Ibarkha, ein guter und tapferer Mann wie es die Geschichten schreiben, gab den Bitten des Schmiedes nach. So wurde eine Streitmacht gebildet, die aus den mutigsten und besten Kriegern bestand, bewaffnet mit den schärfsten Runenäxten und gepanzert mit den besten Mytherilrüstungen zog die Truppe aus, um das niedere Drachengewyrm ein für alle mal zu besiegen und auch die wertvolle Tochter des Schmiedes zu befreien.
Gross war die Trauer als die Reste der prachtvollen Streitmacht geschlagen zurückkehrte. Noch mächtiger als heute waren die Drachlinge damals und noch größer als man vermutet hatte war die Horde, die die junge Frau geraubt hatte.
Während sich das Volk der Zwerge nunmehr doch daran machte, sich in die tieferen Höhlen zurückzuziehen, suchte der Vater der jungen Frau in den alten Büchern nach einer möglichen Rettung für seine so geliebte und wohl verlorene Tochter.
Er fand in ein paar Schriftrollen die Geschichte über Shafir den Goldenen, den Unbesiegbaren, den alten Feind. In jener Schriftrollen wurde er auch als ein Fürst unter den Drachen bezeichnet. Ob es die Verbitterung oder die Hoffnungslosigkeit war, die den alten Mann dazu brachte, wird wohl niemand mehr erfahren können. Jedenfalls machte sich der Schmied auf den Weg zu Shafirs Hort. Nur vage und ungenau war er beschrieben in den alten Schriftrollen…und so suchte er viele Tage bis er schliesslich die vermeintliche Höhle des mächtigen Drachen fand. Vielleicht war es Angrosh selbst, der den verzweifelten Mann auf seinem Weg leitete.
Inmitten der riesigen Höhle fand der Schmied tatsächlich den grossen, alten Shafir. Leider nur ungenau und unleserlich sind die Zeilen an dieser Stelle, so dass ich nicht genauer berichten kann, was zwischen den beiden vorgefallen ist. Doch so wie ich es nach bestem Willen und Wissen entziffern kann, stellte sich der Schmied dem Drachen todeswillig und mit Tränen in den Augen entgegen.
Er rief zu ihm:
“Töte mich, Fürst der Drachen! Töte mich einfach und erbarmungslos, wie deine Diener und Kinder meine Tochter töteten! Töte mich! Töte mich…töte mich…”
Auch unleserlich ist, was weiter an dieser Stelle geschah und was Orankhatosch dem alten Schmied antwortete. Jedenfalls tötete er ihn nicht, sondern genau das Gegenteil geschah. Er packte den alten Schmied mit seinen riesigen Klauen, ohne ihn aber zu verletzen, und zusammen flogen sie zu der Höhle der Drakes, deren Lage der alte Schmied von der überlebenden Kriegern erfahren hatte.
Shafir liess den alten Zwerg am Eingang zurück und ermahnte ihn die Höhle nicht zu betreten. Shafir selbst faltete seine mächtigen Schwingen auf dem Rücken wieder zusammen und begab sich in die Höhle.
Von aussen hörte man lautes Gebrüll…es war die erschütternde Stimme Shafirs, die gar die Wände erzittern liess. Auch wenn der alte Schmied nichts verstehen konnte, so entbrannte leicht erkennbar ein Streit zwischen den Drachen. Ein Streit der alsbald in einem ersten Beben der Erde endete.
Ein Kampf entbrannte, tief im Inneren der Höhle. Die Erde erzitterte und brennend heisse Luft schoss aus dem Eingang der Höhle heraus. Zu Boden geworden wurde der Schmied, und nur dank all der Kraft die ihm die Hoffnung und auch Verzweiflung verlieh konnte er sich festhalten und auch den Steinschlägen ausweichen.
Stunden über die Stunden vergingen…immer wieder erzitterte und erbebte die Erde…immer wieder vernahm er das Gebrüll aus dem Inneren der Höhle. Die Nacht brach herein und sie verging wieder ohne das die Kämpfe geendet hätten. Fast ein weiterer Tag schien zu vergehen ohne das sich die Lage ändern sollte. Und nur noch die Hitze die aus der Höhle emporstieg war es, die den Zwerg hinderte die Höhle zu betreten. Wieder Nacht war es geworden bis endlich Ruhe einkehrte. Kein Gebrüll und kein Beben mehr war zu vernehmen. Der Zwerg wartete noch eine Weile ob der goldene Drache zurückkehrte…doch er kam nicht, nicht in den nächsten Stunden. So fasste der Zwerg all seinen Mut zusammen und betrat eingeschüchtert die Höhle.Ihm bot sich ein Bild des Graues und des Entsetzens. Die meisten der Steine in der Höhle waren geschmolzen, Gänge waren eingestürzt, Risse hatten sich in den Wänden aufgetan…Asche und dunkler Rauch bedeckten den Boden…und auf seinem Weg durch die Gänge der Höhle kam er immer wieder an meist verbrannten und zerfetzen Körpern von Drachen vorbei. Bei jedem einzelnen durchlief ihn ein Schauder und bei jedem dachte er für einen Moment es könnte Shafir sein. Doch jeder der Körper war zu klein, als das er zu Orankhatosch hätte gehören können. An Dutzenden von verbrannten Drachenkörpern war er vorbeigekommen, bis er inmitten einer kuppelförmigen Höhle den goldenen Drachen fand. Schwer atmend und aus vielen Wunden gülden blutend lag Shafir in der Mitte in der Höhle. Um ihn herum wieder einige tote Körper von Drachenwyrmen…und…und auch der leblose Körper seiner geliebten Tochter. Voll von wirren Gefühlen lief er zu seinem Kind, kniete sich neben sie. Eine breite Wunde klaffte in ihrem Bauch und alles Leben war schon aus ihr entwichen. Kein Atem mehr und auch kein Schlag des jungen Herzes war mehr zu spüren.
Der alte Schmied weinte und schimpfte mit geballten Fäusten zu Angrosh als Shafir mit seinen
Klauen den leblosen Körper packte. Aus einer Wunde an einer seiner Krallen tropften ein paar wenige Tropfen seines güldenen Blutes auf die tiefe Wunde an der Brust und auf das tote Herz der Zwergin.
Noch immer zitternd, sprachlos und mit Tränen in der Augen verfolgte der alte Schmied das wundersame Ereignis.
Plötzlich erfüllte ein warmes, goldenes Licht den Körper der Zwergin und die Klaue Shafirs, die den Körper noch immer sanft packte.
Als Shafir den Körper wieder zu Boden legte, war die Wunde auf der Brust der Zwergin wieder verheilt. So, als wäre nie etwas geschehen. Plötzlich hustete sie und ruckartig öffnete sie die Augen. Vor Freude und vor Verwunderung erschrak der alte Zwerg fast bei diesem
Ereignis…mit allem hatte er gerechnet, aber nicht mit einem solchen Wunder.
“Vater”, klang es leise und glücklich aus dem Mund der jungen Zwergenfrau. Sie lebte – wieder.
Und so endet diese alte Sage, vielleicht ist es nicht mehr, glücklich und zufrieden. Doch selbst wenn es nur eine Sage, eine alte Legende aus dem Volk der Angroshim sein mag, so erinnere ich
Euch, liebe Leser: In jeder Sage steckt auch immer, zumindest ein kleiner Funke an Wahrheit!
In den vielen Jahrhunderten die seit jener Geschichte vergangen sind, suchten die Zwerge noch einige wenige Male mehr oder weniger erfolgreich Rat und Hilfe bei einem “großen Alten” Drachen. Ob es sich dabei um den gleichen goldenen Drachen handelt, von dem diese Sage berichtet, das mag wohl niemand wissen.
Hier nun endet mein Bericht an Euch, Kinder der alten Welt. Nur ein paar Zeilen, vielleicht nicht
wichtig, vielleicht auch doch. Dennoch ist es Wissen aus den ältesten Schriften der Zwerge, das ich Euch nicht vorenthalten mag.
So lest und denkt sich ein jeder seine eigenen Gedanken. Ich selbst werde nun erst einmal ein wenig ruhen, den anstregend waren die letzten Tage und Nächte für mich.

Erzählt von Oyan, Sohn des Ibain. Prophet Angroshs.